Scenic Tongical

Scenic Tongical, 2014–2015
Ink marker on paper
298 x 1266 cm (48+ parts, 70 x 100 cm each)

shown in:
“Überzeichnen”, Kunsthaus Baselland, Muttenz, Switzerland (2015)

see also:
Scenic Tongical, No.1 – Logogogo (Radical Skies)
Scenic Tongical, No.2 – Locomo (spaceless)

Bibliography:
“ÜBERZEICHNEN”, exhibition catalogue, Kunsthaus Baselland (Hrsg.), Edition Fink, Zürich, ISBN 978-3-03746-189-1, pp. 6, 49-50, 69-71
Clemens Krümmel, ESTA MAÑANA, “ÜBERZEICHNEN”, exhibition catalogue, Edition Fink, ISBN 978-3-03746-105-1, 2007, Zürich
Basler Zeitung, Judith Opferkuch, “Liebeserklärung an das Zeichnen”, 18. September 2015, Basel, p. 21
Basellandschaftliche Zeitung, Christian Fluri, “Die lichte und dunkle Poesie des Strichs”, 17. September 2015, Basel, p. 36
Robert Estermann, “Scenic Tongical, No.2 – Locomo (Spaceless)”, artist’s newspaper, concept with Georg Rutishauser, Edition Fink (Hrsg.), 2015, Zürich, ISBN 978-3-03746-189-1
Robert Estermann, “Scenic Tongical, No.1 – Logogogo (Radical Skies)”, artist’s newspaper, concept with Georg Rutishauser, Edition Fink (Hrsg.), 2015, Zürich


 

I am interested in the idea of Scenic Tongical as a movement, uniting western and eastern ideas of landscape, landscaping and scenic representation, its geophysical properties, with those of the physics of speech (tongical). It is an invitation to build and create and to believe in the new. To obtain fluency of speech where there was no speech. Rethinking the space for the formation of speech, beyond any static notions of identity.

Robert Estermann


 

Ausschnitt aus ESTA MAÑANA von Clemens Krümmel
in: “ÜBERZEICHNEN”, Ausstellungskatalog, Kunsthaus Baselland (Hrsg.), Edition Fink, Zürich, ISBN 978-3-03746-189-1

„Each line is a crime“ – so lautet das Motto eines Blogs von Robert Estermann. Tatsächlich arbeitet er bei seinen Zeichnungen mit seinen schwarzen Faserstiftlinien an etwas unerhört Gewagtem, riskiert er mit jedem Blatt aufs Neue etwas, was im heutzutage nicht gerade unbesetzten Gebiet der freien künstlerischen Zeichnung kaum mehr möglich erscheint: Man hat es vor den Blättern einer Serie wie „Scenic Tongical“ nie bequem, sie sind direkt, und sie zeigen unseren durch allzu viel abgestandene Virtuosität verzogenen Augen, dass der Künstler Estermann mit voller Überzeugung … das Neue sucht. Sie sind insofern sehr anspruchsvoll, denn überall performieren sie kompositorische, linguistische, morphologische und topologische Sünden, Überschreitungen, Volten und Sprünge, naiv oder banal erscheinende Unmöglichkeiten, bei denen man sich dabei ertappt, wie man auch im 21. Jahrhundert noch immer mit einem Regelwerk aus dem 19. Jahrhundert denkt. Man will diese Freizügigkeit zunächst nicht akzeptieren, fühlt sich verunsichert, in großer Höhe, mit nichts als Luft unter den Füßen. Unmöglich zu sagen, kaum zu ahnen, mit welcher Geschwindigkeit, mit welchem Schwung, mit welcher Verzögerung diese Linienzüge entstanden sind. Wie geht das nur, dass hier offenbar gerade, gekrümmte und geschwungene Striche auf schlichten, weißen Papierbögen koexistieren, die oft nichts voneinander zu wissen und zu wollen scheinen, sich einander aber an anderen Stellen fast unangenehm nahe kommen, meist ohne sich tatsächlich zu berühren? Und warum erscheint das alles so „frisch“ und „neu“? – denn das sind wohlgemerkt behauptende Ausdrücke, die einem sonst kaum über die Lippen kämen.

„Scenic Tongical“ ist eine 2014 begonnene, umfangreiche, noch nicht abgeschlossene Serie von Linienexperimenten Robert Estermanns, die in ihrer Ausübung künstlerischer Freiheit die Grenzen zeichnerischer Ästhetik durchbrechen will, ohne dass er es bei dieser Art Regelbruch bewenden ließe. Das im Titel enthaltene Wort „scenic“ mag noch vertraute Assoziationen von etwas „Szenischem“ auslösen und sich damit für die „theatricality“ aussprechen, die Kunsttheoretiker wie Michael Fried und Stanley Cavell in den 1960er Jahren als Inbegriff kritischer Distanz zu den Forderungen des Minimalismus diskutierten. „Scenic“ kann aber auch einfacher, im Sinne einer „scenic view“, eines im Landschafts-Querformat sich ausagierenden bühnenhaften Bedeutungsraums gemeint sein. Beide Deutungen eröffnen eine dialektische Betrachtungsebene, in der sich nicht nur die Frage nach Authentizität oder Artifizialität künstlerischer Formkreationen sinnvoll stellen lässt, sondern auch zeitgenössischere Diskussionen um die künstlerische Dimension des rhetorischen, des kommunikativen, des politischen Handelns im Sinne eines performativen „acting“. Im Gespräch lässt Estermann keinen Zweifel daran, dass seine Arbeitsweise in letzter Konsequenz der Suche nach und dem Postulat von Identität gewidmet ist – und zwar auch der Zukunft von Identität.

[…]

Wie bei dieser Arbeit [Sissy Circus Announcement, welche der Autor im vorangegangenen, hier nicht publizierten Abschnitt bespricht] kann man auch bei der hier erstmals in diesem Umfang gezeigten Serie „Scenic Tongical“ die (nicht nur queere) rhetorische Strategie des Innuendo, der geschickten Anspielung auf eine tiefere Bedeutungsebene unter einer harmlosen und vertraut scheinenden Oberfläche erkennen. Immer wieder formieren sich, natürlich auch ausgelöst durch die Wortneuschöpfung „tongical“ (zungenhaft?), aus den fast spielerisch auf der Fläche verteilten Linien mittig gefurchte Zungen, in einer schwungvollen Verkürzung, die gerade so frei belassen sind, dass sie zu etwas anderem, (Blütenblättern? Phalli? Landzungen?) werden oder wieder im Gesamt der Linien aufgehen können. Bleibt man beim Bild der Zunge, dann löst, neben dem performativen Akt des Sprechens, dieser Aufruf des oft als extrem intim empfundenen Tastsinns auch ganz buchstäblich das Versprechen einer anderen Sinnlichkeit dieser Kunst ein.


 

Basellandschaftliche Zeitung, Christian Fluri, “Die lichte und dunkle Poesie des Strichs”, 17. September 2015, Basel, p. 36

Ebenso Zwischen feingliedrigen Strich und kraftvoller, körperlicher Geste stehen die aus Zungen gestalteten Landschaften von Robert Estermann, seine Serie «Scenic Tongical». Es sind Bilder, die wahrhaftig zu uns sprechen.


 


during the installation at Kunsthaus Baselland, Muttenz, Switzerland (2015)

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